Welche sozialen Handlungen müssen Kunst vorausgehen? Reicht es aus, Könner durch Verträge zusammenzubringen, ihnen eine Aufgabe zu stellen und ein Werk abzufordern? Ein Werk, das durch welche Öffentlichkeit auch immer wahrgenommen, bezahlt, beurteilt wird? Was wäre es, wenn – zum Beispiel bei einem Theaterstück – der feurige Liebhaber, der gemeine Schurke oder der raffinierte Betrüger von einem ganz langweiligen Menschen gespielt wird, der aber für gutes Geld eine ganze Menge Schauspielkunst auspackt? Soll Kunst heute noch so entstehen? Beim „art der stadt e.v. – theater der stadt gotha“ ist man anderer Meinung.

Die Raumisten

Geladen war am 26. Oktober 2013 zu einer Veranstaltung, von der ich glaubte, es handele sich um eine Aufführung. Nicht Hamlet oder Othello, aber so ähnlich. Ich wurde auch im Vorfeld nicht wirklich verunsichert durch die Aufforderung, ein Fundstück mitzubringen, das als selbsternannte „Eintrittskarte“ dann Gültigkeit habe.

Passiert ist etwas ganz anderes. Vier Menschen – ist es wichtig zu sagen: zwei Frauen, zwei Männer? – lassen uns Zuschauer teilnehmen an einer Suche. Sie öffnen sich, bieten Privates in Form von Erinnerungen. Sie lesen ein, nein DAS Manifest zu :: rAUm :: mit wechselnden Vorlesern. Wir „Rezipienten“ dürfen eingreifen, wenn es uns zu lang wird: Die „Einräumung“ führt zur Leseunterbrechung und zu Sprechklangereignissen, einmal zu einem Song, einmal zu einer Raucherpause, die von friedlichen Suchtabhängigen bereits sehnsüchtig erwartet wurde.

Das Manifest

Beschrieben werden in diesem Manifest Bedingungen der künstlerischen Zusammenarbeit, „Raum“ genannt. Raum ist universelle Voraussetzung. Er entsteht, hat ein Eigenleben, erzwingt Verabredungen, Vertrauen, Verbindlichkeiten. Er nimmt sich ernst, sehr ernst – und stellt sich in Frage, überhebt sich, bietet Verwandlungen.

Ich bin ratlos. Will ich das alles hören? Will ich die Unzulänglichkeiten der Darbietung, die Pannen und technischen Ausfälle hinnehmen? Soll und will ich intervenieren? Will ich den Platz auf der Bühne beanspruchen? Steht mir das zu? Ich bin doch „Rezipient“, nicht Handelnder. Oder doch nicht? Ach egal. Ich stelle laut Fragen, will die Debatte. Ich ziehe mich wieder zurück, spüre zugleich den Ernst der vier Menschen und ihre Ungeübtheit, mit diesem ihnen selbst noch fremden :: rAUm :: umzugehen.

Zuschauer

Sie muten den Zuschauern zu, sich ihrem Suchweg anzuschließen. Die Sätze ihres Manifests kommen in der Sprache der Verwaltung und des Gesetzes daher. Und sollen doch Bedingungen des kreativen Handelns beschreiben. Aber genau diese Spannung gilt es auszuhalten: Darf ich mich als Mensch, als Beteiligter in einer Gruppe von meinem Handeln abtrennen? Darf ich etwas tun, was „Ich“ nicht bin? Wie vermeidet man dabei Selbstgefälligkeit und den Egotrip, ohne andererseits sich aufzugeben und zu verkleinern? Teil eines kollektiven Ichs zu werden ohne Selbstaufgabe?

Die „Raumisten“, wie sich die vier Menschen nennen, haben uns Zuschauer an etwas Unmöglichem teilhaben lassen. Doch ich hätte mir gewünscht, noch radikaler in den Prozess der Suche hineingezogen, daran irgendwie beteiligt zu werden. Ich weiß, das war geplant, hat nicht geklappt – aber so ist das Leben außerhalb der festgelegten Bahnen. Umräumen ist ein Grundwert für Leben, anderes anberaumen, träumen, bauen und so weiter.

Ich bin froh, bei :: rAUm :: dabei gewesen zu sein. Jetzt will ich wissen, wie es damit weitergeht.

Mehr Fotos dazu in meinem Facebook-Album https://www.facebook.com/media/set/?set=a.586135384755836.1073741864.213553248680720&type=3&uploaded=41